Etzler, Sonja; Eher, Reinhard; Rettenberger, Martin

Interaktionseffekte in aktuarischen Prognoseinstrumenten zur Vorhersage des Rückfallrisikos bei Sexualstraftätern

Zur Vorhersage des Rückfallrisikos von Sexualstraftätern können strukturierte Prognoseinstrumente entweder dem statistisch-aktuarischen Ansatz zugeordnet werden, bei dem Risikofaktoren zu einem Gesamtwert aufsummiert werden oder dem Structured Professional Judgment (SPJ)-Ansatz, bei dem Risikofaktoren nach Ermessen des Beurteilers kombiniert werden. Eine zentrale Annahme des SPJ-Ansatzes ist demnach, dass ein Risikofaktor die Vorhersagegüte eines anderen Risikofaktors verstärken oder verringern kann. Ziel der vorliegenden Studie ist es zu explorieren, ob systematisch verstärkende oder abschwächende Interaktionseffekte zwischen den Risikofaktoren von aktuarischen Prognoseinstrumenten (Static-99 und Stable-2007) zu finden sind. Die Stichprobe wurde in der Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter (BEST) in Österreich erhoben und umfasst N = 520 Sexualstraftäter, die mindestens 5 Jahre nachbeobachtet wurden (M = 9.21; SD = 2.1). Zur Auswertung wurden Produkte zwischen jeweils zwei Risikofaktoren berechnet und anschließend die Haupteffekte sowie der Interaktionsterm in einem logistischen Regressionsmodell auf ihre Vorhersagegüte hinsichtlich sexuell motivierter Rückfälligkeit überprüft. Es zeigte sich, dass im Static-99 kein und im Stable-2007 ein abschwächender Interaktionseffekt gefunden wurde. Keiner der Interaktionseffekte erreichte Bonferroni-korrigiert statistische Signifikanz. Die Ergebnisse der Studie sprechen somit gegen das Vorliegen von Interaktionseffekten zwischen Risikofaktoren und für eine einfache Addition zur Risikoabschätzung, wobei Grenzen der Studie sowie weitere Implikationen kritisch diskutiert werden.