Kraus, Uta; Pfundmair, Michaela; Hewig, Johannes S.

Wie kulturabhängig sind die Realkennzeichen?

In der Glaubhaftigkeitsbegutachtung werden zunehmend mehr Personen begutachtet, die in anderen Kulturkreisen sozialisiert wurden. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, inwieweit die einzelnen Realkennzeichen kulturunabhängig sind oder kultursensible Anpassung erfordern. Zu dieser Frage liegen bisher kaum empirische Befunde vor. In einer empirischen Studie wurden je 30 Erwachsene mit einem europäischen, asiatischen, arabischen und mittel- und südamerikanischen kulturellen Hintergrund gebeten ein emotional negativ besetztes reales Erlebnis und ein nicht reales Erlebnis zu berichten (Sprachniveau mind. B2). Die Erhebung erfolgte doppelblind. Im Anschluss wurden die Kulturelle Orientierung (CVScale, Graupmann, et. al., 2012) sowie demographische und biografische Variablen erhoben. Die Erlebnisse wurden doppelblind von 2 Ratern ausgewertet und die Realkennzeichen anhand der Klassifikationen von Steller & Köhnken (1989) und von Volbert & Steller (2014) analysiert. Die Studie zeigte dass die Realkennzeichenanalyse in der Lage ist kulturunabhängig zwischen realen und nicht realen Erlebnissen zu trennen. Einzelne trennscharfe Realkennzeichen sind kulturell verschieden und decken sich mit den empirischen Befunden zu kulturellen Unterschieden in der Wahrnehmung und der sozial-kognitiven Verarbeitung. Je höher die Individualistische Orientierung ist, desto weniger Motivationale Inhalte, Phänomenologische Schilderungen und Erinnerungslücken werden in wahren Erlebnissen berichtet. Je höher die Kollektivistische Orientierung ist, desto mehr ausgefallene Details werden in wahren Erlebnissen berichtet.