Bender, Doris; Lösel, Friedrich; Stemmler, Mark

Adrenokortikale Aktivität und Aggression im Kindesalter

Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen adrenokortikaler Aktivität und aggressivem Verhalten im Vorschulalter. Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (HHNA) spielt mit ihrem wichtigsten Hormon, dem Cortisol, eine zentrale Rolle in der Regulation von Stressreaktionen. Verschiedene Studien zeigten Zusammenhänge zwischen dem Cortisol-Niveau und aggressivem Verhalten, die Ergebnisse sind jedoch nicht konsistent. Die vorliegenden Daten stammen aus der Erlangen-Nürnberger Entwicklungs- und Präventionsstudie (Lösel et al., 2013). In einer Stichprobe mit 227 männlichen Vorschulkindern wurde das Cortisol im Speichel direkt nach dem Aufwachen und nach einer halben Stunde gemessen. Das Sozialverhalten wurde mit dem SBQ (Tremblay et al., 1991; Mütterurteil) erfasst. Es zeigten sich keine signifikanten Korrelationen zwischen den Cortisol-Maßen und dem Aggressionsniveau. Eine differenziertere Analyse der Verhaltensmuster offenbarte jedoch den höchsten Cortisol-Spiegel bei denjenigen Jungen, die sowohl hoch aggressiv als auch hoch ängstlich waren, während die wenig ängstlichen und hoch aggressiven Jungen den niedrigsten Wert aufwiesen. Das Cortisol war dementsprechend kein Prädiktor für aggressives Verhalten sechs Jahre später (Lehrerurteil). Die familiäre Belastung scheint die Zusammenhänge teilweise zu moderieren, die Ergebnisse waren für verschiedene Maße jedoch inkonsistent. Insgesamt deuten die Ergebnisse auf komplexe physiologische Regulationsprozesse hin, die zusammen mit methodischen Problemen diskutiert werden.