Schmidt, Stefanie, Bliesener, Thomas und van der Meer, Elke

Migrations- und kultursensible Risiko- und Schutzfaktoren für delinquentes Verhalten

Die Anwendung üblicher Verfahren zur Kriminalprognose und Behandlungsplanung geht im Falle von Tätern mit Migrationshintergrund (MH) mit zahlreichen Problemen einher. Dies kann zu erheblichen Einschränkungen deren Validität führen. Zusätzlich bzw. alternativ zu gängigen Risiko- und Schutzfaktoren delinquenten Verhaltens könnten Einflüsse, die besonders mit der Migrationserfahrung oder kulturellen Sozialisation zusammenhängen, Ursache für Delinquenz sein. Ausgehend von theoretischen Überlegungen und empirischen Befunden haben wir angenommen, dass Diskriminierungserleben, Wertekonflikte, eine traditionelle Geschlechterrollenorientierung und die Abwertung der Aufnahmegesellschaft Risikofaktoren für delinquentes Verhalten bei Menschen mit MH sind. Soziale Unterstützung ebenso wie Religiosität sollten hingegen protektiv wirken.
Es werden vorläufige Ergebnisse einer noch laufenden Untersuchung präsentiert. Mittels Fragebogen wurden bisher N=107 männliche Studienteilnehmer mit türkischem oder arabischem MH aus der Allgemeinbevölkerung sowie aus Justizvollzugsanstalten in Berlin zu den potentiellen Einflussfaktoren befragt. Es zeigt sich, dass Diskriminierungserleben, Wertekonflikte, eine traditionelle Geschlechterrollenorientierung und die Abwertung der Aufnahmegesellschaft signifikant positiv mit Delinquenz korrelieren. Die soziale Unterstützung durch Freunde hängt signifikant negativ, deren normabweichende Einstellung jedoch positiv mit Delinquenz zusammen. Muslimische Religiosität korreliert bei Muslimen leicht negativ, jedoch nicht signifikant mit Delinquenz.
Wie diese migrations- und kultursensiblen Aspekte theoretisch und praktisch in bisherige Prognose- und Interventionsansätze integriert werden können, um deren Güte und Wirksamkeit zu verbessern, wir diskutiert.