Hausam, Joscha; Lehmann, Robert J.B; Dahle, Klaus-Peter

Zum diagnostischen Nutzen systematisch erfasster Verhaltensbeobachtungen des allgemeinen Vollzugsdiensts

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Fremdbeurteilung von Inhaftierten durch den allgemeinen Vollzugsdienst (AVD). Verhaltensbeobachtungen durch den AVD gehören vielerorts bereits zum vollzuglichen Alltag (z.B. im Rahmen von Vollzugsplankonferenzen), erlauben sie doch potenziell wertvolle Einblicke „hinter die Kulissen“, die dem therapeutischen Personal oftmals im Verborgenen bleiben. Bisherige Forschungsbefunde aus benachbarten Disziplinen (z.B. Psychiatrie) weisen indessen darauf hin, dass solche Einschätzungen insbesondere dann valide sind, wenn sie systematisch erfolgen und strukturiert erfasst werden. Zu diesem Zweck wurde im Rahmen des Berliner Evaluationsprojekts ein Fragebogen mit 16 Skalen zur systematischen Einschätzung beobachtbarer Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale durch Bedienstete des AVD zusammengestellt. Die Skalen wiesen in einer Pilot-Stichprobe mit 62 jungen Inhaftierten der sozialtherapeutischen Abteilung der Jugendstrafanstalt Berlin überwiegend zufriedenstellende bis gute psychometrische Eigenschaften auf. Sie korrelierten mit einer Anzahl haftbezogener Merkmale (z. B. Regelverstöße) und prognostischen Risikobeurteilungen (PCL-R und HCR-20). Regressionsanalytische Untersuchungen zur Vorhersage des Therapieerfolgs lieferten weitere Belege für die Konstruktvalidität des Instruments. Schließlich konnte in einer Substichprobe von Gefangenen, die nach der Erstbeurteilung rund ein Jahr in der Einrichtung verblieben waren, gezeigt werden, dass die Einschätzungen des AVD sowohl erwünschte als auch unerwünschte Verhaltensveränderungen im Behandlungsverlauf abbilden konnten. Eine Kreuzvalidierung des Instruments in einer Stichprobe mit erwachsenen Inhaftierten sowie der potenzielle diagnostische Nutzen einer systematischen Erfassung von Verhaltensbeobachtungen durch den AVD werden abschließend diskutiert.