Klöckner, Andrea, Jahnke, Sara, Schmidt, Alexander, Hoyer, Jürgen

Neurobiologische Marker und eigener sexueller Missbrauch als Korrelate pädophiler Interessen? Ergebnisse einer Onlinestichprobe außerhalb forensischer Einrichtungen

Ätiologische Modelle postulieren die Entstehung eines sexuellen Interesses an Kindern als Zusammenspiel neurologischer Entwicklungsstörungen und traumatischer Kindheitserfahrungen wie erlebtem sexuellem Kindesmissbrauch. Diese Vermutungen wurden vorranging an Stichproben von Sexualstraftätern getestet. Um die Generalisierbarkeit außerhalb forensischer Einrichtungen zu überprüfen, rekrutierten wir 82 Männer mit und 100 Männer ohne Pädophilie zur Teilnahme an einer anonymen Onlinestudie. Männer mit und ohne Pädophilie unterschieden sich dabei nicht signifikant hinsichtlich der Rate an nichtsexuellen traumatischen Erfahrungen während der Kindheit, der Häufigkeit von Kopfverletzungen, der Körpergröße, der kristallinen Intelligenz, der Digit Span sowie des Anteils an Linkshändigkeit. Teilnehmer mit Pädophilie berichteten jedoch signifikant häufiger von sexuellem Missbrauch sowie von als positiv erlebten sexuellen Erfahrungen mit Erwachsenen in ihrer Kindheit. Diese Befunde unterstreichen die Bedeutung früher sexueller Erfahrungen bei der Entwicklung von Pädophilie und deuten darauf hin, dass der Einfluss neurologischer Fehlentwicklungen bei der Entwicklung sexueller Interesse an Kindern in der bisherigen Literatur systematisch überschätzt wurde. Weitere Studien an Männern mit Pädophilie außerhalb von forensischen Einrichtungen sind erforderlich, um letztere Hypothese eingehender zu prüfen.