Kratky, Nicole; Schröder-Abé, Michela
Zur Einschätzung des Kindeswillens in familienrechtlichen Gerichtsverfahren – Eine Validierungsstudie

Der Kindeswille als „die altersgemäß stabile und autonome Ausrichtung des Kindes auf erstrebte, persönlich bedeutsame Zielzustände (…)“ (Dettenborn, 2014, S.65) muss nach FamFG bei Kindern ab 14 Jahren als verpflichtendes Element in Gerichtsverfahren integriert werden. Jüngere Kinder können angehört werden, sollte ihr Wille für die richterliche Entscheidung bedeutsam sein. Im juristischen Gefüge scheint diese Altersgrenze sinnvoll. Aus psychologischer Sicht ist anzuführen, dass Kinder bereits im Alter von drei bis vier Jahren die Kompetenz eines autonomen und stabilen Willens besitzen. Die Entscheidung, ob der Kindeswille auch schon bei jüngeren Kindern mit in den Blick genommen wird, liegt beim Richter. Inwieweit dies in familienrechtlichen Verfahren in Deutschland geschieht, ist bislang nicht untersucht. Im vorgestellten Projekt wurden 220 Gerichtsakten nach § 1666 BGB analysiert und der Kindeswille von zwei unabhängigen Beurteilern eingeschätzt. In 209 Fällen wurde der Kindeswille einbezogen, die Kinder waren im Mittel 7,3 Jahre (SD = 5,6 Jahre) alt. Sie gaben Wünsche bezüglich ihrer Lebensmittelpunkte und gewünschten Kontakten zu ihren Eltern an. Andere Kinder äußerten Wünsche bei Familienangehörigen oder fremduntergebracht zu leben. Die Beobachterübereinstimmung war über alle Kategorien gut bis zufriedenstellend. Außerdem wurde untersucht inwieweit Kindeswille und Gerichtsbeschluss übereinstimmen. Auf den Ergebnissen basierend werden Implikationen für Praxis und weitere Forschung diskutiert.