Oeberst, Aileen; Goeckenjan, Ingke
Aus Schaden wird man klug? Der Rückschaufehler bei Richtern.

In der Rückschau wird die Vorhersehbarkeit eines bereits eingetretenen Ereignisses oft überschätzt. Diese Tendenz ist eine Ausprägung des Rückschaufehlers (hindsight bias). Im
strafjuristischen Kontext spielt die Vorhersehbarkeit eine wichtige Rolle, vor allem bei der Beurteilung der Fahrlässigkeit. Nach überwiegender Ansicht in Rechtsprechung und Literatur setzt die Fahrlässigkeit neben der Sorgfaltswidrigkeit des Verhaltens auch die Vorhersehbarkeit des tatbestandlichen Erfolgs voraus. Über die strafrechtliche Fahrlässigkeitshaftung für eine Rechtsgutsverletzung wird jedoch immer erst im Nachhinein entschieden. Aufgabe der Richter/innen ist dann die rückblickende Beurteilung der Vorhersehbarkeit des Schadensereignisses. Die überwiegende Mehrzahl von Studien hat jedoch Laien untersucht. Es wird eine Studie mit praktizierenden Richter/innen präsentiert, die zeigt, dass auch sie einem Rückschaufehler unterliegen und die Vorhersehbarkeit im Nachhinein systematisch überschätzen und Fahrlässigkeit somit zu häufig bejahen. Implikationen und mögliche Gegenmaßnahmen werden diskutiert.