Lehmann, Robert; May, Lennart; Hausam, Joscha
Einschätzung der Legitimität von tödlicher Waffengewalt bei Anti-Terroreinsätzen

Der Rückschaufehler (Hindsight bias) beschreibt die verzerrte Bewertung von Ereignissen aufgrund der Kenntnis des Ereignisausgangs zum Bewertungszeitpunkt (i.S.v. „Das habe ich schon immer gewusst“). Die vorliegende Studie untersuchte, ob der Rückschaufehler die Bewertung der Legitimität des Einsatzes tödlicher Waffengewalt bei polizeilichen Anti-Terroreinsätzen beeinflusst. Hierfür lasen die Studienteilnehmer (N = 887) eine Fallvignette und schätzten anschließend das polizeiliche Vorgehen mittels eines Fragebogens ein. In einem 4x2x2 Design wurde neben der Hindsight-Bedingung (Kenntnis über Ausgang der Ermittlungen versus keine Kenntnis) zusätzlich die einzunehmende Rolle (Vater des Getöteten, Leiter der Mordkommission, Teamführer des Sondereinsatzkommandos oder keine Rolle) sowie die Informationsqualität zum Einsatzzeitpunkt (detailliert versus vage) variiert. Die hiesige Untersuchung konnte die Ergebnisse einer vorherigen Studie aus England replizieren (Goodwill et al., 2009, Behav Sci Law, 28, 337-350). Demnach schätzten die Probanden der Hindsight-Bedingung das situative Bedrohungserleben geringer ein als diejenigen Probanden, die keine Kenntnis über den Ausgang der Ermittlungen hatten. Kein Rückschaufehler zeigte sich indessen bei der Beurteilung, wer die Verantwortung für den tödlichen Ausgang des Szenarios trägt. In den weiteren beiden Bedingungen (Rollenperspektive und Informationsqualität) gab es jeweils signifikante Haupteffekte für die Einschätzungen der Probanden. Implikationen dieser Ergebnisse werden diskutiert.