Mischkowski, Dorothee; Glöckner, Andreas; Lewisch, Peter
Kohärenzstreben in rechtlichen Urteilen – das Zusammenspiel von Informationssuche und Informationsbewertung

Juristische Urteile sind einzigartig in ihrer Komplexität und erfordern es, Kohärenz in eine widersprüchliche Informationslage zu bringen. Systematische Urteilsverzerrungen können dabei u.a. durch eine unausgewogene (konfirmatorische) Informationssuche entstehen; ebenso wie durch eine verzerrte Informationsverarbeitung bei der die Information so gewichtet und interpretiert wird, dass sie für die präferierte Urteilstendenz spricht.
In vier Studien (N=321) untersuchen wir das komplexe Zusammenspiel zwischen beiden Einflussfaktoren. Die Probanden bearbeiteten hierfür drei Strafrechtsfälle, in denen sie unbeschränkt nach Informationen suchen konnten. Manipuliert wurde dabei die Möglichkeit einer systematischen Informationssuche, indem die Richtung der Indizien – als für oder gegen die Unschuld des Angeklagten sprechend – gekennzeichnet wurde. Zusätzlich wurde jedes gesichtete Indiz hinsichtlich der Schuldwahrscheinlichkeit bewertet und eine generelle Urteilstendenz nach jedem Indiz erfragt.
In Übereinstimmung mit früheren Studien zeigt sich eine stark verzerrte Informationsverarbeitung. Konträr zu unseren Erwartungen finden wir jedoch primär eine ausbalancierte Informationssuche, bei der Probanden entgegen ihrer Urteilstendenz das nächste Indiz auswählen. Zusätzlich zeichnet sich eine Interaktion der zwischen beiden Arten der Kohärenzmaximierung ab: In den systematischen Informationssuchbedingungen wurden jene Indizien stärker umgewichtet, die gegen die Urteilstendenz sprachen.