Mokros, Andreas
Kriteriumsvalidität und Prävalenzschätzungen

Die Erhebung von Daten im Rahmen der Entwicklung der deutschen Fassung der PCL-R ermöglicht, die Prävalenz von Strafgefangenen und Maßregelvollzugspatienten abzuschätzen, die ausgeprägte psychopathische Eigenschaften aufweisen. Im Verein mit anderweitigen Studien und mit verwandten Verfahren (Psychopathy Checklist: Screening Version) kann die Verbreitung von Psychopathie auch für die Gesamtbevölkerung abgeschätzt werden. Zudem erlauben Studien zur Prävalenz der Antisozialen Persönlichkeitsstörung entsprechende Schätzungen für deren Auftretenshäufigkeit in der Gesamtbevölkerung. Die Daten wurden mithilfe der Methodik der Meta-Analyse zusammengeführt. Daraus ergibt sich, dass etwa ein Siebtel bis ein Viertel der inhaftierten Strafgefangenen / untergebrachten Maßregelvollzugspatienten in Deutschland hochgradig psychopathisch sein dürften. Für die Gesellschaft insgesamt ergibt sich allerdings eine absolute Zahl, die um ein Vielfaches höher liegen dürfte. Demnach sind weniger als ein Zehntel der männlichen Psychopathen inhaftiert oder untergebracht. Daher sollte die Beschäftigung mit dem Phänomen Psychopathie künftig auch Menschen aus der Allgemeinbevölkerung stärker in den Blickpunkt rücken. Dabei sollten auch die anderen Merkmale der so genannten „Dark Tetrad of Personality“ (nämlich Narzissmus, Machiavellismus und Charaktersadismus) Berücksichtigung finden. Die hohe gesellschaftliche Relevanz ergibt sich aus der besonderen Affinität von Psychopathen zur Gewaltanwendung. Und wie ein Rückgriff auf katamnestische Straftäterdaten zeigt, beträgt das Rückfallrisiko von Personen mit hohen PCL-R-Kennwerten binnen fünf Jahren nach Entlassung über 50%.