Körner, André; Bennewitz, Susann; Gwenner, Michaela
Psychopathie aus bio-psycho-sozialer Sicht – Analyse einer Stichprobe von deutschen Gewaltstraftätern

Psychopathie sagt kriminelles Verhalten vorher und ist ein verlässlicher Prädiktor für Legalprognosen. Es bestehen Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zu verwandten Diagnosen der gängigen Klassifikationssysteme (Antisoziale Persönlichkeitsstörung: DSM-V, Dissoziale Persönlichkeitsstörung: ICD-10). Ähnlich wie diese Störungen, ist Psychopathie eine lebenslange Beeinträchtigung mit frühem Beginn. Dies impliziert einen bio-psycho-sozialen Erklärungsansatz, der bisher jedoch oft vernachlässigt wird. Oftmals steht die ad-hoc Diagnose im Vordergrund und entwicklungspsychologische Einflussfaktoren werden meist isoliert betrachtet. Wir wissen einerseits, dass Psychopathie eine genetische Komponente hat (Viding & McCrory, 2012). Andererseits gibt es soziale Entwicklungsrisiken, die bereits frühkindliche Probleme bedingen und Psychopathie im Erwachsenenalter begünstigen (Sevecke, Krischer, Schönberg & Lehmkuhl, 2005).
Wir untersuchten den Einfluss von sozialen Risikofaktoren, frühen Verhaltensauffälligkeiten und früh festgelegten Persönlichkeitseigenschaften (Mentalisierungsfähigkeit, Sensation Seeking) auf Psychopathie. Dazu analysierten wir die Daten von 56 Gewaltstraftätern aus Justiz- und Maßregelvollzugsanstalten sowie ambulanter Bewährungshilfe anhand eines Strukturgleichungsmodells. Das kausal modellierte Modell klärt substantielle Varianz für das Vorliegen von Psychopathie auf und bestätigt eine 2-Faktoren-Struktur. Mentalisierungsfähigkeit zeigt sich als stärkster Prädiktor für das Ausmaß der Psychopathie. Auch Sensation Seeking und soziale Risikofaktoren zeigen die vorhergesagten Effekte, bestätigen im Kausalmodell allerdings keine signifikanten Zusammenhänge. Auch eine Mediation über frühe Verhaltensauffälligkeiten liegt nicht vor. Wir diskutieren Einschränkungen und aktuelle Entwicklungen in der Psychopathieforschung.